46. Nachwort

Ich hole Bachler aus seinem Atelier, einem wunderbaren kleinen Eckladen in der Dresdner Neustadt, ab. Wir machen uns auf zum „Ostpol“, seiner Lieblingskneipe nahe dem Schauburg – Kino. Unterwegs bringe ich die Sprache auf seinen Entschluss, keine Kunst mehr zu produzieren. Er bekräftigt dies, verweist auf die lähmende Mischung von finanzieller Erfolglosigkeit und allgemeiner Erschöpfung. Zum Thema Kunst habe er alles gesagt, Ausstellungen langweilen ihn. Und immer diese ewig gleichen Fragen, wie lange man denn mit so einer Lochkamera belichten müsse, er könne da nicht mehr ernsthaft drauf antworten, habe regelrechte Fotofragenphopie. Er möchte auch nicht mehr Künstler genannt werden. Vielleicht mache er mit seiner riesigen Laufbodenkamera noch Portraits oder weitere Blumenbilder aber dann wäre die Bezeichnung „Fotograf“ für ihn stimmiger. Ja, Bilder machen ohne diesen Kunstanspruch, ohne überhaupt einen Anspruch, Bilder, die einfach nur kommen wie morgens die Sonne aufgeht, dass könne möglicherweise erfrischend sein. Hier läge vielleicht ein Fehler der gesamten Konzeptfotografie – in dessen Fahrwasser er sich ja auch bewege – sie komme ohne mitgelieferte Erklärung kaum aus. Eine unsinnliche Symbiose. Hinzu kommt, dass dieser ganze Kunstbetrieb zum großen Teil Selbstausbeutung sei, fährt er fort. Dem stehen diese vielen Stipendien, Preise, Fördergelder gegenüber, da hätte sich beiderseitige Abhängigkeiten entwickelt, die eher von Angst als von Aufbruch geprägt seien. Die Künstler haben Angst, kein Geld abzubekommen und riskieren nichts, die Jury hat oft Angst vor der eigenen Courage und vergibt Gelder an die, die schon immer was bekommen haben. Das Geld wäre besser angelegt, die verdreckten Bürgersteige zu säubern, überall Müll und Hundescheisse. Und überhaupt, jeder nenne sich jetzt auf einmal Künstler: Designer und Architekten entdecken den Künstler in sich, selbst Friseusen. Und eine Philosophie hat sowieso jeder – der Bundestrainer, die Anlageberater, einfach alle, diese Wort sei gänzlich vor die Hunde gegangen. Die neue Fahrschule bei ihm um die Ecke nenne sich sogar „Fahr Academy“, da kann man doch nur noch aufhören. Einfach nur aufhören könnte bald zum Markenzeichen echter Künstler werden. Stumm lausche ich seinem Monolog… höre ich da nicht die verbitterte Stimme eines Erfolglosen?

Im Ostpol trinken wir polnisches Lech Bier, dann tschechisches Breznak Pils und landen zum Schluss beim Landskron Kellerbier aus der Oberlausitz. Bachler erzählt von dem gestrigen Treffen mit seiner Steuerberaterin. Es gäbe Probleme mit dem Finanzamt, seine Einkünfte seien zu gering, eine Gewinnabsicht sei bei ihm nicht mehr erkennbar. So werde seine künstlerische Arbeit, steuerlich gesehen, als Liebhaberei eingestuft. Liebhaberei! Bachler lacht. Die Kombination von Kunst und Liebe, von Finanzbeamten so befunden, die hätten ja mehr Ahnung als gedacht. Wir gehen nach Hause, unter unseren Sohlen knirschen leise die Scherben zersplitterter Flaschen.

Am nächsten Morgen überlege ich, ob mir das polnische, tschechische oder das deutsche Bier diese Kopfschmerzen bereitet. Und rekapituliere im Bett liegenderweise, Bachlers Arbeiten, seine Äusserungen und warum es mir so schwer fällt, ihn einzusortieren. Mit seiner rastlosen Energie kommt er mir vor wie einer der beiden Romanfiguren in Flauberts „Bouvard und Pécuchet“, diese beiden Pariser Büroangestellten, die sich mit auf der Suche nach intellektueller Anregung praktisch durch alle Wissenszweige durcharbeiten – ohne bei einem Thema zu verharren. Dann erinnert er mich aber auch an „Oblomow“ aus dem gleichnamigen Buch von Gontscharow. Dieser verarmte russische Adelige, der vor allen Dingen nur in Ruhe gelassen werden will um seine Untätigkeit zu pflegen. Eine sympathische aber fatale Untätigkeit, die sich auch bei Bachler findet, hat er sich doch so gut wie gar nicht um Galeriekontakte gekümmert, Anträge für Kunstprojekte nicht gestellt, wichtige Telefonate nicht geführt – die Versäumnisliste würde hier zu lang werden. Ich betrachte sein Sonnenblumenfoto. Sonnenblumen sind wirklich wunderbare Pflanzen, die sehen nicht nur imposant aus, man kann auch noch deren Kerne essen. Vielleicht kriegt Bachler so etwas ähnliches auch mal mit seinen Bildern hin.